TRANSIT 4 – Kreativität und Eigentum

In unregelmäßiger Folge findet an der Fakultät Gestaltung der Hochschule Augsburg das Design-Symposium TRANSIT statt, seit 2006 veranstaltet von Studententeams unter der Leitung von Prof. Robert Rose.

TRANSIT sucht die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen und künftigen Fragestellungen im Themenfeld Medien und Design. Interdisziplinäre und grenzüberschreitende Betrachtungen bestimmen die Inhalte, Offenheit und Neugierde die Form. Wir untersuchen Phänomene und Hintergründe der aktuellen Medienkultur und interessieren uns für undogmatische Fragestellungen jenseits der üblichen Branchenthemen.

Die richtigen Fragen zu stellen ist uns wichtiger als wohlfeile Antworten zu geben. Dazu laden wir Experten als Referenten ein, die provokante Thesen vorstellen, kritische Analysen darlegen oder zukunftsweisende Projekte präsentieren.

TRANSIT 4, das am 22. Oktober 2011 in Kooperation mit dem Büro für Popkultur der Stadt Augsburg stattfindet, steht unter der Überschrift “Kreativität und Eigentum”. Das bedeutet es soll der gesamte Themenkomplex von Urheberrecht in Kunst, Musik, Design und Film, von Filesharing, über Plagiate, Kopien, Zitate und Sampling hin zu Remixing, branchenübergreifend betrachtet und aus verschiedenen Fachrichtungen beleuchtet werden. Dabei wünschen wir uns juristische sowie gesellschaftliche, kunsthistorische und musikwissenschaftliche Betrachtungen und Deutungen.

Dazu haben wir eingeladen:
— Constanze Kurz (Chaos Computer Club, Berlin)
— Martin Butz (Art 2.0, Köln)
— Dr. Bernhard Knies (new-media-law.net)
— Wolfgang Senges (Creative Commons Collecting Society, Berlin)
— Georg Fischer (jaegerundsampler.net, Berlin)

Danach geht es zur After-Show-Renaissance ins Schwarze Schaf mit DJ Sepalot (Blumentopf, MUC)

Einführung

Isaac Newton schrieb 1675 an seinen Freund Robert Hooke:

"If I have been able to see further (than you and Descartes) it is because I have stood on the Shoulders of Giants"

Der rechtliche Rahmen kreativer Arbeit und künstlerischen Schaffens ist eine Stolperfalle, in die man sowohl als Künstler oder Designer, als auch als Kunde oder Konsument kreativer Leistungen immer wieder hineinläuft. Urheber- und Verwertungsrechte und -richtlinien sind aus einer analogen Welt tradiert und in unserem heutigen, digitalen Zeitalter nur wo unbedingt notwendig marginal reformiert worden. Dabei stellt die Möglichkeit jedes digital (v)erfasste Kulturgut einfach und verlustunbehaftet vervielfältigen zu können eine neue Herausforderung an unsere Gesellschaft dar. Filesharing ist hierbei nur die Spitze eines Eisbergs, der eine Debatte über Kriminalisierung von Konsumenten und Profit- und Vertriebsmodellen für Künstler ausgelöst hat.

Dabei können auch die Künstler von den Entwicklungen profitieren: Die Produktionsmittel um kreativ Tätig zu werden sind mit dem Aufkommen digitaler Technologie und vor allem dem Internet überall erhältlich, einfach zu Handhaben und für jeden erschwinglich geworden. Die Flut von Amateurmusik und -filmen auf Plattformen wie YouTube oder MySpace beweist das; man braucht heute kein teures Tonstudio mehr im Keller zu haben, um professionell klingende Musik zu produzieren.

Während Zitate in Literatur, bildender Kunst, Architektur, Theater und auch im Film, als Hommage bewertet, selten die künstlerische Integrität des Zitierenden in Frage stellen ließen, ist Sampling in der Musik noch heute für viele nur billiger Diebstahl. Aber Remix und Sample sind heute schon längst gängige und legitime Kulturtechniken die nicht nur eine Umdeutung von Urheberschaft und -recht zur Folge haben müssen, sondern ihre Anerkennung als Kunstform verdienen, sowohl in der Musik als auch in jeder anderen Ausprägung.

In der Medienrezeption sieht die Sache an manchen Stellen schon besser aus: Mashup-Musiker wie Girl Talk oder DJ Dangermouse erfahren in den letzten Jahren eine ungeheure Medienpräsenz und -anerkennung, denn viele Journalisten feiern die Internet-getriebene Remix- und Mashup-Kultur als neue Revolution, übersehen dabei aber völlig, dass, auch wenn die Nomenklatur eine relativ neue ist, das Prinzip so alt ist wie die Menschheit selbst. Das Verhältnis von Hector Berlioz zu gregorianischen Chorälen des 14. Jahrhunderts, von Walt Disney zu den Gebrüdern Grimm und der europäischen Kunst oder von Biz Markie zu Gilbert O‘Sullivan ist immer das gleiche: das Zitieren, Modifizieren und Weiterdenken einer Idee oder eines Motivs, hin zu zu einem eigenen Werk mit eigener Schöpfungshöhe, eigener Ausdruckskraft und somit eigener Legitimation.

Dennoch bleibt die Frage nach dem Urheber und seiner Benennung: wann muss ich als Künstler ein Sample oder Zitat kenntlich machen und wann nicht? Wann verletze ich wirklich die Rechte Dritter? Wo hört das Zitat auf und wo fängt das Plagiat an? Wann hat ein anderer Rechte an meinem Werk? Wann erlischt ein Anspruch auf Rechte? Wer soll da noch durchblicken? Und wer sagte noch mal das mit den Riesen auf den Schultern?

„Ein Zwerg der auf der Schulter eines Riesen steht,
sieht weiter als der Riese selbst.“

– Didacus Stella (1524–1578)